Die kulturgeschichtliche Thesis hat mir gezeigt, dass Reduktion im Informationsdesign nicht neutral ist. Diesen Aspekt möchte ich nun konkret untersuchen: Wie wirkt Reduktion auf die Wahrnehmung von Daten, und was bleibt dabei unsichtbar?
Experiment: Darstellung
Um herauszufinden, wie sich die Aussage derselben Daten je nach Darstellungsform verändert, visualisiere ich Lichtemissionsdaten auf verschiedene Arten. Was ändert sich, wenn ich dasselbe anders zeige? Es stellt sich heraus: sehr viel. Ob eine Grafik verständlich ist oder nicht, hängt nicht nur von den Daten ab, sondern davon, wie sie dargestellt werden. Die gestalterische Entscheidung ist Teil der Information.
Mein Smartphone sammelt bereits Daten über mich, ohne dass ich aktiv etwas tue. Ich zeichne diese per Hand und merke dabei, dass die gestalterischen Mittel, die ich wähle, völlig andere sind als in der klassischen Statistik. Je nachdem wie dieselben Daten dargestellt werden, erzählen sie eine andere Geschichte. Die Darstellungsform ist nie nur Verpackung, sie ist immer auch Interpretation.
Experiment: Wahrnehmung
Im nächsten Experiment interessiert mich, wie präattentive Wahrnehmung beeinflusst, wie wir ein Muster lesen. Mit p5.js teste ich, wie visuelle Mittel wie Farbe, Form und Blur die Aufmerksamkeit lenken, noch bevor man bewusst nachdenkt. Was überrascht: Es funktioniert sehr gut. Kleine Veränderungen in Farbe oder Unschärfe verändern, ob ein Unterschied sichtbar ist oder nicht, ob eine Grafik harmonisch wirkt oder irritiert. Es zeigt sich, wie stark visuelle Entscheidungen steuern, was wahrgenommen wird und was nicht.












Experiment: Erhebung
Was fällt beim Erheben von Daten weg, noch vor dem Gestalten? Um dieser Frage nachzugehen, tracke ich Geräusche im Atelier mit p5.js und visualisiere sie auf verschiedene Arten. Das Ergebnis hängt stark davon ab, welche Parameter ich wähle, also Zeitspanne, Auswertungsmethode und Umfeld. Je nach Entscheidung entsteht eine völlig andere Grafik.








Inspiriert von We All Count, einem Projekt das Datenerhebung kritisch befragt, erstelle ich eine Datenbiografie, die festhält, wie Daten entstehen, wer sie erhebt und unter welchen Bedingungen. Was müsste festgehalten werden, wenn man Daten erhebt? Was ist wichtig, was fehlt? Schnell wird klar, dass selbst erheben nicht meinem Bereich als Gestalterin entspricht. Aber die Fragen, die das Format stellt, bleiben relevant. Den Gedanken, dass Reduktion nicht erst beim Gestalten beginnt, kannte ich aus der Theorie. In diesem Experiment habe ich ihn selbst getestet und gespürt. Diese Phase war explorativ und manchmal orientierungslos, aber genau das war notwendig, denn ohne dieses Ausprobieren wäre die Frage, die mich wirklich interessiert, nicht sichtbar geworden.




Ausblick: Mai
Die Experimente haben alle drei Dimensionen der Reduktion berührt. Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist die kontextuelle Ebene, also was über die Bedingungen, Lücken und Unsicherheiten hinter den Daten kommuniziert werden könnte, aber in den meisten Darstellungen unsichtbar bleibt. Als Gestalterin sehe ich dort das grösste ungenutzte Potenzial, und das ist die Richtung, der ich im nächsten Monat folge.